Ich sehe sie vor mir.
Die Frau, die meine erste Klientin sein wird.
Sie ist so um die 50. Als sie aus dem Auto steigt, schaut sie sich vielleicht ein bisschen verlegen um. Aber sie hat einen klaren Blick und einen festen Händedruck, als wir uns begrüssen.
Ich bitte sie in mein Haus. Der grüne Teppich ist einladend und warm. Der Ofen steht da wie immer, auch der Schreibtisch und der Küchenblock mit Kaffeemaschine erweisen uns ihre Ehre. Das Bücherregal ist voll mit Lernunterlagen für meinen Deutschunterricht und mit Literatur zur Beratungsarbeit. Nur die Couch hat weichen müssen. Sie steht jetzt draussen im Zwischenraum und wartet. Sie weiss nicht worauf. An ihrer statt stehen sich jetzt im Raum zwei gemütliche Sessel schräg gegenüber. Sessel, in denen man sich wohlig-kuschelig fallen lassen kann, der Kopf aber gleichzeitig die Möglichkeit hat, aktiv zu sein. Eine Mischung aus Lümmelsessel und Bürostuhl. Zwischen-neben den beiden Stühlen steht ein kleiner Glastisch mit Wasser, Taschentüchern und einer frischen Blume.
Ich merke, ich bin ein bisschen nervös.
Was erwartet sie von mir?
Kann wirklich ich ihr das geben, was sie braucht?
Dann aber gebiete ich meinem Kopf Einhalt. Es geht hier nicht um mich. Es geht um sie. Meine erste Kundin.
"Was kann ich für Sie tun?"
Oh, wie freue ich mich auf diesen Moment!
Die Idee, hier mitten im Wald eine Beratung aufzumachen, scheint vielleicht etwas abenteurig. Riskant? Aussichtslos? Für d'Fisch?
Mitnichten!
Ich bin der festen Überzeugung, dass es dieses Angebot braucht. Auch hier in dieser finnischen Welt. Gerade hier in dieser finnischen Welt. In kaum einen Land ist die Selbstmordrate so hoch, in kaum einem Land sind Gewalt in der Familie, Alkoholkrankheit und Depression ein so grosses Thema.
Kalle war der Erste, der mich in meiner Idee unterstützt hat. Wie es eben so seine Art ist, ist er sofort mit neuen, zusätzlichen Ideen dahergekommen und hat somit eine Diskussion in Gang gesetzt, die bis heute nicht aufgehört hat.
Viele andere hingegen kriegen ein komisches Gefühl, wenn ich davon erzähle, und wissen nicht recht, wohin mit ihrem Gesicht. Grad so, als würde ich ihnen eröffnen, meine nächste Idee sei es, nackt auf der Strasse zu tanzen und mit Trommelmusik und Opfergaben den Stechmückengott anzuflehen, dass er uns doch bitte von den Plagegeistern erlösen möge.
Vor ein paar Tagen war ich bei einer Unternehmerstartorgansiation, die bei rechtlichen und anderen Fragen neuen Firmengründern kostenlos zur Verfügung stehen. Sie hat, nachdem sie von meiner Idee gehört hat, gemeint, dass Deutsch sehr gefragt sei hier in diesem Land und dass ich ohne weiteres versuchen könne, das ein bisschen auszubauen.
Ich mag es, wenn Leute zuhören.
Ich mag es, wenn Leute zu höflich sind, um klar zu sagen, was sie sich denken...
Was ist hingegen wirklich mag, ist meine Idee.
Ich bin Beraterin. Systemische Beraterin.
Das ist irgendwas zwischen unausgebildeter Zuhörerin und Psychotherapeutin.
In Österreich ist das ein eigener Geschäftszweig, in Finnland hingegen überhaupt nicht bekannt.
Nach ausgiebiger Recherche im Internet habe ich festgestellt, dass es in unserem ganzen Bezirk, der viele kleine Dörfer und einen Bezirksort umfasst, kein einziges Angebot gibt für Interessierte. Es gibt auch keinen Psychologen und keine Psychotherapeutin. Es gibt nichts. Und das ist fatal. Das meine ich im Ernst. Es ist fatal, wenn man Menschen allein lässt. Und es ist noch viel fataler, wenn man ihnen nicht einmal die Möglichkeit zur sachkundigen Auseinandersetzung bietet.
Die Zeitungen sind voll mit möglichen Auswirkungen.
Ausserdem ist es allerhöchste Eisenbahn, dass dieser Staub, dieser alte Dreck, dieses a bissl Anrüchige, das an dieser Branche klebt, verschwindet.
Beratung ist eine Dienstleistung. Und nichts anders.
Habe ich Kopfweh, gehe ich in eine Apotheke.
Habe ich Hunger, gehe ich entweder ins Lebensmittelgeschäft oder ins Gasthaus.
Möchte ich gern von hier nach dort, nehme ich den Bus oder ein Taxi.
Und ich stehe wo an, weiss nicht recht weiter, mag gern neue Inputs bekommen, gehe ich zum Berater oder zur Beraterin. Das ist es. Nicht mehr und nicht weniger.
Dieses grosses Trara einerseits in Form von allen möglichen Zuschreibungen und Be- bzw. Verurteilungen von Menschen, die eben genau so eine Dienstleistung in Anspruch nehmen und dieses Verstecken von Gefühlen und So-tun-als-ob-Gebärden andererseits, das brauchen wir nicht mehr. Nicht mehr im Jahre 2018.
Ich wünsche mir ein soziales Miteinander, indem man sagen darf, was ist, in dem man fühlen darf, was man fühlt und in dem man sein darf, wer man ist.
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
| Der Himmel... so gross! |
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