Dienstag, 16. Februar 2016

16.02.16 - Wenn ein Ohrwaschl stürzt


Einst gab es eine Zeit, in der alles, was in der Aussenwelt als Klang vorhanden war, einfach durch meine zwei Ohren hineingefallen ist. Diese waren wie zwei - wie in meinem Fall - ziemlich grosse Trichter, die alles, ohne es auf Nutzen oder Wertigkeit zu überprüfen, aufgenommen und weitergeleitet haben in mein Inneres. Ohne mir dessen wirklich bewusst zu sein, habe ich diesen Zustand als "normal" eingestuft und als gegeben angenommen.

Doch plötzlich:
Da heisst es, das Gehör sei gestürzt. Wie das? Ist es gestolpert? Über einen Stein? Oder einen Ast? War es aus Unachtsamkeit? War die Anforderung zu gross? Wohin ist es gestürzt? Runter vom Berg? Mit dem Kopf voraus in den Gatsch?
Üblicher Weise folgt nach dem Sturz der Schmerz. In diesem meinem Fall folgt das Rauschen. Das allumfassende und alles einnehmende Rauschen. Unaufhörlich. Wie ein Kühlschrank, vermischt mit einem Bach. Woher kommt es? Was ist es? Hat es eine Bedeutung?

Antworten zu all diesen Fragen hat niemand und gibt es vielleicht auch nicht, aber fix ist: Diagnose Hörsturz.
 
Wie es sich anfühlt?
  • als sei die Verbindung zum Draussen mit einem dicken Polster abgesperrt;
  • der Schritt in die Aussenwelt wird zu einem, der bewusst gemacht werden will; es passiert nicht mehr einfach so und von ganz allein;
  • dieses Rauschen verlangt, mit der Aufmerksamkeit innen zu sein bzw. bei diesem Geräusch;
  • ich höre Dinge, die im echten Leben im Jetzt nicht vorhanden sind, wie zB Männer, die singen, LKWs, die über eine nicht vorhandene Strasse donnern, Vogelgesang, Plastiksackln, die aneinandergerieben werden,... im Grunde will alles, das ich höre, überprüft werden, ob es auch wirklich da ist;
  • wenn ich mich inmitten einer Ansammlung von Menschen befinde, wie zB in einem Geschäft oder im Cafehaus, so kann ich die Dinge, die ich höre, nicht mehr differenzieren, und alles wird zu einem diffusen Klangteppich, den ich aufgrund von Überforderung aussperre aus meiner bewussten Wahrnehmung;
  • berühre ich mein linkes Ohr, so spüre ich es, höre es aber nicht mehr - ein total schräges Erleben, das so ähnlich erlebbar gemacht werden kann, indem man mit einer Hand das Ohr zuhält und mit der anderen Hand das Ohrläppchen berührt;
  • ich weiss nicht mehr, wie laut meine Stimme ist, wenn ich etwas sage;
  • und wenn ich singe, dann höre ich mich zweistimmig (die 2. Stimme klingt der Einfachheit halber eine Oktave tiefer)
Welche Auswirkungen im Alltag hat es?
  • Gespräche mit anderen Menschen, die nicht zur Familie gehören, werden ungemein anstrengend - Konzentration ist nun nicht mehr allein auf die Sprache zu richten, sondern auch darauf, dass den Sprechenden mein rechtes Ohr zugewandt ist, sodass ich sie überhaupt höre; wenn mehr Menschen im Raum sind, dann wird diese Doppelbeanspruchung  zur echten Herausforderung;
  • in Momenten der grössten Mulmigkeit habe ich Angst, dass ich nie mehr wirkliche und allumfassende Stille hören werde;
  • bin leicht reizbar;
  • ich vermeide - wenn möglich - Situationen, in denen ich auf Menschen treffen könnte, die in ein Gespräch mit mir kommen möchten;
  • liege ich im Bett auf meinem funktionierenden Ohr, so ist für Max die Chance, dass ich ihn höre, wenn er mich braucht, als relativ gering einzustufen; also versuche ich, Tiefschlaf zu vermeiden;
  • ich bin erstaunt, wie sich plötzlich die Wahrnehmung des Lebens verändert;
Es gibt auch zwei angenehme Dinge:
  • Max' Schreien dringt nicht mehr durch Mark und Bein;
  • der Kontakt zu mir selber ist stärker;
Und jetzt?
Jetzt ist es ganz ohne Medikamente oder Behandlung fast schon wieder gut.

Es gab da eine Begebenheit, die mich nachdenklich gestimmt hat. Ich war in Vaasa, mein Ohr hat sich bereits dem Sturz hingegeben gehabt, und der Wind hat geblasen. Ziemlich stark. Wieder einmal habe ich meine Mütze daheim vergessen. Ich bin also durch die Strassen gegangen, durch mangelndes Hörerlebnis wie in Watte gepackt, und da hab ich den Wind an meinem rechten, also am gesunden Ohrläppchen gespürt.  Ich habe ihn gespürt, weil ich gehört habe, wie er über die Härchen und die Haut gestrichen ist. Nie ist mir das aufgefallen, als beide Ohren noch gesund waren...

Ich bin dankbar für diese Hör-Auszeit. Sie hat mir so manches aufgezeigt. U.a. war ich recht erstaunt über meine diversen emotionalen Reaktionen. Ausserdem habe ich erkannt, dass die Welt auch eine andere sein kann, als ich bisher immer geglaubt habe. Und es braucht gar nicht viel dazu...
 
Ich verabschiede mich mit dem Wunsch nach wunderbaren Klangerlebnissen für euch!
Habts es guat und fein!
 
Pfiat enk und Hej då-
d'Birgit

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