Samstag, 4. November 2017

05.11.17 - Aussen- vs. Innenschau


Die Drosseln ziehen über unseren Köpfen hinweg. Hunderte. Tausende. Ein nie enden wollendes Schauspiel an schwarzen, sich schnell bewegenden Punkten am Himmel, mit der ständigen Erwartung des letzten, der nie kommt.
 
Wir frühstücken. Rumms. Eine Kohlmeise kracht mit voller Wucht gegen unsere Terrassentür. Und bleibt liegen. Ist sie tot? Ich sehe sie nicht gut. Sie ist in einem blinden Eck gelandet. Dort, wo ich nur ihren Kopf sehen kann. Ich will die Tür nicht aufmachen, weil ich sie nicht erschrecken will, sollte sie noch leben. Ich glaube, sie atmet. Max schaut mich an. Ich erzähle, was passiert ist. Er sagt: "Miass ma blosn gehn!" Oh, mein lieber kleiner Bua mit seinem grossen Herz.
 
Ich lese von Alfred Dorfers neuem Programm. Und ich werde plötzlich ganz wehmütig. Mir wird klar, was ich alles nur mehr mit einem sehr grossen Unwahrscheinlichkeitsgrad erleben werde aus der schlichten Tatsache heraus, dass ich in Finnland bzw. nicht mehr in Österreich lebe. All die kulturellen Angebote wie Alfred Dorfer, Andreas Vitasek, Rolling Stones, Herbert Grönermeyer, Hubert von Goisern, Willi Resetarits. Oder die Plätze, die mich tief innen berühren wie der Geier, ein Gipfel der Tuxer Alpen, oder diese eine geschützte Stelle im Halltal, dort oben, wo nie einer hinkommt und von wo man alles sieht. Soll das schon alles vorbei sein?

Max zeigt auf seine Brustwarze und sagt: "Das ist ein Muttermal."
Ich sage: "Nein. Das ist deine Brustwarze."
Er: "Mit der Brustwarze kann man warzen."

Ich lese und stelle fest: Da hängt nix zsamm. Gar nix.

Was solls?
Ich mach mir noch einen Kaffee. Einen dieser komischen Filterkaffees, die ich in meiner Tirolzeit mitleidig belächelt habe, welche sich aber in Finnland als die bestmögliche Kaffeealternative überhaupt herauskristallisiert hat.

"Dei hohe Zeit is lång vorüber, de Dummheit de zum Himmi schreit..."
So oder so ähnlich singt der Reinhard Fendrich sein "I am from Austria" in meinen Gehirnwindungen. Werd ich mich jemals integrieren? Also, in jenem Sinne wie unsere strammen rechten Österreichfreunde es meinen, nämlich die eigene Identität aufgeben und die neue annehmen? Na.
Aber ich merke schon, dass dieses mein neues Heimatland bereits auf mich abfärbt.
Gehe ich in ein Geschäft, grüsse ich nicht mehr die Hälfte aller Menschen, die zur selben Zeit wie ich dort zugegen sind. Wir schauen uns grösstenteils nicht einmal an. Das hat etwas Entspanntes. Und in diesem Sinne bin ich schon sehr finnisch.
Ausserdem fange ich an, die pragmatischen Zugänge im Verkehrswesen (die Strassen werden im Winter grösstenteils sich selber überlassen - der Schnee und das Eis schmelzen ja eh wieder), im medizinischen Sektor (Nein, nein, da ist nix.) oder auch im Handel (es gibt genau 2 Geschäfte, wo es eh was gibt, und das wars) sportlich zu nehmen und irgendwo sogar zu schätzen. Manchmal.
Und sonst, wobei ich jetzt aber nicht weiss, ob das finnisch ist oder das Alter oder unsere örtliche Abgeschiedenheit oder aber unsere Beziehung, die da ihre Finger im Spiel hat, stelle ich fest, dass die Schalen und Hüllen und Masken, die ich da mein ganzes Leben lang entwickelt und sorgfältig gepflegt habe, sich allmählich auflösen. Sie fallen nicht einmal ab. Sie verschwinden einfach. Weil ich sie nicht mehr brauche. Und mein Ich, meine Essenz sozusagen, tritt immer mehr zutage. Das geniesse ich sehr. 

Mein Kaffee neigt sich dem Ende zu.
Ebenso wie dieser Blog.

Bis nächste Woche!
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit




 

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