Samstag, 18. November 2017

19.11.17 - Im Wandel der Zeit


Auf der Suche nach einem Foto für ein Wandbild stöbere ich mich durch meine fotografische Vergangenheit. Die Bilder sind bald wie ein Sog. Ein Sog, der mich hineinzieht in längst Vergangenes und Vergessenes. Gefühle überschwemmen mich, Bilder und Farben durchspülen mich, sogar Gerüche und Geräusche sind da. Ich weiss nicht, wie lange ich mich den Bildern hingebe. Aber als ich zurückkomme, muss ich mich erst mal orientieren.
Wo bin ich jetzt?
Wer bin ich?
Wie isses?
Ah ja. Genau.
Pffff....
 
Ich habe die grösste Zeit meines Lebens damit verbracht, mich "nicht genug" zu fühlen. Nicht gut genug, nicht schön genug, nicht gscheit genug, nicht witzig genug, nicht interessant genug, nicht ....
Die Konsequenz war, mich "zu" zu fühlen. Zu schiach, zu dick, zu langweilig, zu komisch, zu still, zu uninteressant, usw.
Dieser Tenor hat sich wie ein roter Faden durch mein Leben gezogen und Situationen, Entscheidungen und Beziehungen wenn nicht bestimmt, so doch beeinflusst.
 
Oi, das ist ein Schlamassel. Ich sags euch. Wie soll man denn auf diese Weise gesund und stark und klar durchs Leben gehen?
 
Ich habe es stets verabscheut, mich auf Fotos zu sehen. Zumindest dann, wenn andere mit dabei waren. Da hab ich mich oft geniert. Wenn ich aber alleine war, so hab ich diese Fotos sehr wohl sehr gerne angeschaut. Deshalb gibt es erstaunlich viele Selfies von mir von fast immer schon. Nicht, weil ich mich heimlich doch gut fand, viel mehr gings mir wohl darum, einen Ausweg zu finden. Irgendetwas zu entdecken, das vielleicht doch gut oder schön oder zumindest nicht so schlimm war. Das war wohl meine Art, eine Antwort auf jene Fragen, mit denen sich mit Hemmungen beladene Menschen herumquälen, zu finden: Wer bin ich? Wie wirke ich? Was sehen die anderen in mir? Was halten die anderen von mir?
 
Und jetzt also diese Fotos vor mir in meinem Computer. Ich, mittlerweile 40 Jahre auf dem Buckel und graue Haare auf dem Kopf, schaue in die Gesichter dieser jungen, 20-, 30-jährigen Birgit, in Südamerika, auf dem Berg, auf Reisen, daheim, mit Familie, mit Freunden, allein, und alles, was ich sehe, ist diese junge Birgit. Die, die lacht. Oder auch nicht. Die, die oft a bissl unbeholfen wirkt. Und die, die sich sehr oft mitten in einer Herausforderungen befindet. Ich sehe die Birgit, die es halt einfach einmal versucht mit dem Leben. Wohlwissend, dass mehr eh nicht geht.
 
Und ich bekomme ein grosses Mitgefühl. Ich finde es so schade, dass ich mich belasten und bremsen hab lassen mit so vielen so unnötigen Gefühlen und Fragen. Ich war so jung. Es wäre so viel mehr gegangen. Ich hätte so viel mehr ausprobieren können, mir weit mehr zutrauen können. Wäre ich eine selbstbewusste Frau gewesen, hätte ich vielleicht schon früher gewagt, meinen Träumen zu folgen.
 
Ich bereue nichts. Aber es ist mir ein bisschen leid um die verlorene Zeit.


 
 
 
 
Diese Bilder sind alle miteinander 10 Jahre alt.
Was soll man sagen?
Wie die Zeit vergeht?
Ja. Sie vergeht. Und das ist gut so.
 
Ich habe in den letzten 10 Jahren viel Wichtiges gelernt.
Zum Beispiel frage ich mich nicht mehr: "Was soll ich (arbeiten, sagen, anziehen, etc.)?", ich frage mich stattdessen: "Was will ich (arbeiten, sagen, anziehen, etc.)?" Denn die innere Freude ist ein zuverlässiger Kompass durch die Wirrungen des Lebens. Das hat nichts mit Egoismus zu tun, wie vielleicht einige einwenden werden, es zeigt vielmehr, wer ich bin und wie ich mit meinem Wesen am besten der Welt und ihren Bewohnern dienlich sein kann. Und wenn dann immer noch Zweifel bestehen, ist die nächste Frage: "Trägt es zu meinem eigenen Glück oder/und zum Glück der Welt bei?" Dann ist die Sache klar.
Und ich darf selbst die Zügel in die Hand nehmen und Regisseurin meines Lebens sein.
Das geniesse ich sehr.
 
Es gibt da einen schönen Spruch, den ich hier nur sinngemäss widergeben kann und mit dem ich euch und mich in die neue Woche schicken möchte:
Leben, um zu werden, wer man ist.
 
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 
 


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