So machten wir uns also auf den Weg. Mein Mann, mein Bua und ich. Ein langer Marsch von mehreren Kilometern durch eisige, Menschen leere, vom Wind gepeitschte Schneelandschaft stand uns bevor. Knochenmark durchdringende Kälte, Atemwolken, die noch auf den Lippen zu Eiskristallen gefrieren, gehüllt nur in ein paar Lumpen, so stapften wir, den Kopf gesenkt gegen den Sturm ankämpfend, schweigend und schwer atmend durch den knietiefen Schnee.
Nein. So wars natürlich nicht. Es war zwar Schnee, aber nit viel. Die Baumwipfel haben ein bisschen getanzt und gespielt mit dem Winterlüftchen, Scharen von Drosseln sind von Vogelbeerbaum zu Vogelbeerbaum geflogen, blaue Fetzen haben den wolkigen Himmel durchzogen, die Luft war frisch und klar und die Stimmung gut. Und Lumpen warens auch nicht, die uns umhüllten, auch wenns der Szenerie eine Spur von Drama gegeben hätte.
Wir machten uns auf den Weg zu einem alten Mann. Er verkauft Holz, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Und wir sind einer seiner dankbaren Abnehmer. Kalle war ein paar Tage zuvor dort, um mit seinem Anhänger welches zu holen. Und nun war es an der Zeit, unsere Schulden begleichen.
Der Weg war tatsächlich ein langer. Wir gingen schnell, Max auf Kalles Schultern. Bei jedem uns entgegen kommenden Auto sprang unser kleiner Wirbelwind begeistert wie auf dem Sattel eines galoppierenden Pferdes, riss beide Arme in die Höhe und winkte und wachtelte was das Zeug hielt. Zwei Lenker haben dann auch tatsächlich ihren Zeigefinger vom Lenkrad gehoben. Die wenigen Häuser schienen dunkel und verlassen. Spuren zeugten von vorbeihüpfenden Eichhörnchen und wandernden Elchen. Wir gingen durch ein Stück Wald, bald säumte eine offene Wiese die Strasse, die Traktorwerkstatt war schnell hinter uns gelassen und nach dieser einzigen Kreuzung weit und breit hatten wir endlich freien Blick aufs Meer.
- Wow! Schon zugefroren!
Um die Kurve herum, und schon waren wir da.
- Hm. Sieht dunkel aus.
Du, ich glaub, da ist keiner daheim.
- Das kann man so nicht sagen. Wir gehen auf jeden Fall zur Tür.
Wir durchquerten den Garten, wunderten uns noch über die breiten Baggerspuren, als auch schon ein Licht anging. Kalle winkte, und der alte Mann hinter dem Fenster, der sich soeben am Küchentisch niedergelassen hatte, winkte uns zu sich hinein.
Wir sind uns noch nie vorher begegnet, er und ich.
Ah. Das musste seine Frau sein. Sie ist also doch nicht an Krebs gestorben, wie ich gehört habe.
- Hej! Griass enk.
Händeschütteln. (Auch wenn das sehr komisch und vielleicht sogar Grenz überschreitend ist in diesem Land, aber ich kann und will nicht anders).
- Bin die Birgit.
Ich verstand ihre Namen nicht. Das machte aber nichts. Weil wir uns sowieso nie mit Namen ansprechen werden.
Und bald schon entstand ein Gespräch zwischen den Männern.
Ich beobachtete Kalle ein wenig und war wieder einmal sehr angetan von seiner Fähigkeit, mit allem und jedem ein entspanntes und wohltuendes Gespräch auf Augenhöhe zu führen. Egal, in welcher gesellschaftlichen Position sich sein Gesprächspartner auch immer befindet.
Die Frau schien anfangs ein bisschen verloren, wie sie da im Türrahmen stand. Aber Dank Max hat sich die Situation sehr schnell sehr entspannt. Er entdeckte nämlich ein Katzenfoto, und der Bann war gebrochen. Sie nahm uns mit und stellte uns Fritz, den Kater, vor. Sie erzählte stolz, wie es zu diesem wunderbaren deutschen Namen kam, sie erzählte vom Bagger, der heute da war und von Lillajul und, ach Gott, sie hat ja die Kerzen auf ihrem kleinen Christbaum noch gar nicht angemacht.
Bald darauf entstand ein Gespräch zu viert.
Und es war nett.
Und wir haben gelacht.
Und wir haben uns irgendwie gemocht.
Ja. Und dann simma wieder aufgebrochen. Wir hatten einen weiten Weg vor uns und die Dunkelheit würde bald wieder alles verschluckt haben.
- Danke! Pfiat enk! Mochts es guat! Hej då!
Sie haben uns noch aus dem Fenster hinterhergewunken, und beschwingt und leicht von dieser Begegnung machten wir uns auf den Heimweg. Während Max gerannt ist und mit dem Schnee gespielt hat, habe ich mich gefragt, was das jetzt eigentlich war.
Im alltäglichen Leben, also in Geschäften oder in der Stadt, begegne ich so viel missmutig dreinschauenden Gesichtern und so viel Distanziertheit und auch Unfreundlichkeit.
Aber dann, wenn ich mal wirklich mit jemandem ins Gespräch komme, weil es die Situation so verlangt, wie zum Beispiel in dieser oben beschriebenen Szene, ist es oft so nett und so lustig.
Ich tu mir manchmal recht schwer mit diesem Widerspruch.
Wir gingen weiter, Max war immer noch beim Laufen, vor und zurück und vor und zurück, und wir haben unseren Gedanken eine Stimme gegeben.
Ich glaube, es wäre einfacher, würde man sich öfter sehen. Bei einem Spaziergang zum Beispiel oder im Garten oder auch am Strand oder so. Die Hemmschwelle zu einem Gespräch wäre niedriger, wenn man sich immer wieder mal über den Weg laufen würde und es wäre selbstverständlicher, ein paar Worte miteinander zu wechseln.
Und hier ist einer der ganz grossen Unterschiede zu Tirol. Man verbringt sein Leben entweder im Haus, im Auto oder - ganz selten - beim Sport. Zumindest hier in unserem kleinen Umkreis drängt sich mir dieser Eindruck auf. In Tirol hingegen ist man so gut wie nie alleine, sobald man das Haus verlässt. Egal, ob im Dorf im hintersten Tal, auf dem Berg oder in einer Stadt. Nicht, dass das uneingeschränkt wunderbar wäre. Aber es liegt auch auf der Hand, dass diese finnische, sich einigelnde Lebensgestaltung kaum Raum für Geplauder und Tratscherei offen lässt.
Das ist irgendwie schade.
Aber andererseits - ich muss gestehen, hätte ich den Max nicht, ich weiss nicht, ob ich selber mehr als unbedingt nötig draussen wäre. Der konstant blasende Wind, die Kälte, das Eis auf den Wegen, die Dunkelheit - das alles ist eigentlich so grausig und unfreundlich und so gar nicht einladend. Da lob ich mir unseren Ofen, der es besser als alles andere versteht, das Leben in kuschelige, warme Wohlfühlwatte zu packen.
Und was lernen wir daraus?
Macht viele Kinder!
Oder macht etwas mit euren Enkeln.
Oder leiht euch Kinder aus (Eltern werden es euch danken!).
Kinder machen das Leben gesünder, lustiger und spannender.
Und wenn es sein muss, entspannen sie schon auch mal allein durch ihr Sein eine unnötige Verkrampftheit.
Danke, mein lieber kleiner grosser Max :-)!
Danke, mein lieber kleiner grosser Max :-)!
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
| entstanden im gerade noch Schnee freien November |
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