Samstag, 17. Dezember 2016

17.12.16 - Brief an das Christikind


Liebes Christkind!
 
Was? Du sagst, du bist nicht mehr zuständig für mich, weil ich ja jetzt im Land des dicken Mannes mit rotem Mantel und Rauschebart wohne?
Und das, ohne dass ich überhaupt nur angefangen habe, mir etwas zu wünschen?
Aber, hallo! So geht das nicht. Schliesslich bist du der Inbegriff meiner Kindheitsweihnacht, weshalb du natürlich auch mein erster Ansprechpartner bist, wenns ums Thema Wünschen geht. Und ausserdem, sollen wir uns nicht alle lieb haben und uns Gutes tun? Gilt das denn nur für uns Menschen?
Na also, siehst du.
Schön, dass wir einen Konsens gefunden haben.
 
Also. Ich fange noch einmal an.
 
Liebes Christkind!
 
Wünschen ist etwas, das ich nicht sehr gut kann. Und das mir zudem ausserordentlich unverschämt vorkommt in meiner privilegierten Situation. Ich mein, was will ich denn noch? Ich wohne in einem wunderschönen Häuschen in herrlicher Abgeschiedenheit, ich habe einen Mann, der mich liebt und den ich liebe, ich habe ein Kind, das jedesmal, wenn ich es anschaue, mein Herz höher schlagen lässt, ich habe genug Holz, um gut über den Winter zu kommen, ich habe eine kuschelige Bettdecke und mysteriöser Weise immer Schokolade im Haus. Also, was?!?!
 
Es ist nicht so, dass ich mir von dir den Frieden auf Erden wünsche. Denn ich weiss, dass das nun wirklich nicht in deinen Zuständigkeitsbereich fällt. Die schrecklichen Szenarien, die sich hier auf Erden abspielen, im Kleinen wie im Grossen, sind ganz allein des Menschen Werk. Er und sie trägt die Verantwortung dafür. Und es liegt ganz allein in seiner und ihrer Verantwortung und Zuständigkeit, Frieden zu machen, will er, der Mensch, denn wahrhaftig Frieden haben.
 
Ich wünsche mir auch nicht alles Geld der Welt. Na ja. Ein bisschen mehr tät ich schon nehmen. So ist es ja nicht. Aber, wenn wir von "alles" reden , dann winke ich ohne mit der Wimper zu zucken ab. Was tät ich denn damit, um Himmels Willen? Das mag ich mir gar nicht ausmalen. Und ausserdem, hätte ich alles, hätten alle anderen nichts. Und dann? Neinneinnein, da lob ich mir mein Bisslweniger, leg die Füsse auf den Tisch, trink meinen Kaffee und freu mich meines Daseins.
 
Einen Mercedes Benz, so wie Janis Joplin ihn gerne hätte, brauch ich auch nicht. Wer weiss, ob der wirklich immer anspringen würde bei diesen unberechenbaren finnischen Temperaturen, so wie mein unverwüstlicher Fiat Panda. Und ausserdem, ist die Ampel Rot, muss sogar der Mercedes Benz stehen bleiben. Und bei Stau kann auch er nichts anderes tun, als sich brav hinten anstellen und warten. Also, was würde der mir bringen, was der Fiat Panda nicht schon längst kann?
 
Aber, ich weiss schon, langes Geschwafel liegt uns nicht. Weder dir noch mir. Es ist nicht gut, lang um den heissen Brei herumzureden. Und ich komme besser auf den Punkt, so lange du überhaupt noch die Zeit hast, Briefe zu lesen. Bist ja vermutlich schon ein bisschen im Weihnachtsstress, oder?
 
Liebes Christkind, ich hätte gern einen Glühwein.
Du wunderst dich?
Ja. Das verstehe ich. Du musst aber wissen, ich rede nicht einfach nur von einem gewöhnlichen Glühwein. Den kann ich mir natürlich daheim selber machen. Ganz ohne deine Hilfe.
Ich rede von dem Glühwein, dessen Tasse man mit kalten Fingern umklammert, während die Atemluft kleine Wölkchen vor den Mund zaubert.
Ich rede von dem Glühwein, der immer zur Hälfte auf der Jacke landet, weil so ein Gedränge herrscht, dass man nicht anders kann, als zu rempeln.
Ich rede von dem Gühwein, der völlig überteuert ist und heuer noch süsser schmeckt.
Und ich rede von dem Glühwein, der den Gedanken heraufbeschwört: Warum tue ich mir das eigentlich an?
 
Es ist der Christkindlmarktglühwein, den ich so schmerzlich vermisse und der meine Adventszeit durch seine Abwesenheit bluesig einfärbt.
Ich weiss schon, das ist nur eine Kleinigkeit und du könntest ganz einfach sagen: Stell dich nicht so an und trink Glögg. Und die Sache wär erledigt. Wäre sie das?
Ich fürchte nein.
 
Der Christkindlmarktglühwein ist etwas ganz Spezielles.
Er ist immer verbunden mit einem lieben Gesicht, das man kennt und mag, zumal man ja selten allein seine Abende an solchen Örtlichkeiten verbringt.
Er ist immer auch verbunden mit einer Klangwolke aus Tirolerisch, Italienisch und diversen anderen Sprachen, wobei aber immer das Kch und das Sch überwiegt. Oh, wie ich diese Sprache liebe!
Diese wunderbare Bergluft darf ich nicht vergessen. Ständig da. Und trotzdem kaum wahrgenommen.
Und natürlich der Duft der Kiachln, der sich über die gesamte Altstadt legt.
Die uralten Pflastersteine unter den Schuhen, die Standln, die Bläser, der Krawall.
Das alles ist der Christkindlmarktglühwein.
Ich werd grad ein bisschen wehmütig und nostalgisch. Obwohl ich die letzten Jahre meines Tiroler Lebens eh nicht mehr dort hingegangen bin.
 
Verklärt sich die Vergangenheit und geht auf Distanz zur Realität?
Und wenn ja, ist das immer so?
 
Liebes Christkind, hast du bitte einen Glühwein für mich?
 
Mit freudiger Zuversicht und grösstem Vertrauen in dich und deine Fähigkeiten danke ich dir bereits im voraus für deine Bemühungen und verbleibe mit einem herzlichen
 
Pfiati und Hej då -
d'Birgit
 
Bildergebnis für innsbrucker glühwein
Bild entnommen von www.provinnsbruck.at

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