Sonntag, 11. Dezember 2016

11.12.16 - Warum ich Finnland so mag


Ich lasse Max zu Hause bei Kalle und begebe mich ins Weihnachtsshoppinggetümmel. Erst noch recht enthusiastisch, ernüchert sich meine Gefühlswelt rasant und leicht gereizt bahne ich mir Wege, stehe für gefühlte Stunden bei irgendwelchen Kassen an, nur um dort mein Geld herzugeben, ich suche, und finde nicht, und dann doch, und suche weiter, und - dann höre ich ihn.
Den Chor. Ich schlage mich mit "Ursäkta" und "Andeksi" durch die Massen wie jemand im Dschungel mit seiner Machete. Als ich ihn endlich sehe, kommt mir sofort dieser eine Satz in den Sinn: Das kann es nur in Finnland geben.
Die Sängerinnen und Sänger, ja, sie singen halt. Recht leise, sodass ich nicht ausmachen kann, in welcher Sprache sie ihre Lieder darbringen. Manche haben komische Kostüme an, grad wie einem Krippenspiel entsprungen, manche sind ganz normal gekleidet und manche sehr adrett, und alle schauen auf die Chorleiterin. Und diese Frau, sie sitzt im Rollstuhl. Ich gehe auf die Seite, um besser sehen zu können. Sie dirigiert mit einer Hand, während die andere versucht, die Seiten ihrer Noten umzublättern. Das ist nicht leicht, da sie offensichtlich eine Muskelerkrankung hat. Aber sie schafft es. Immer wieder. Ein Mikrophon vor ihrem Mund lauscht mit und gibt wieder. Und sie, sie dirigiert. Ist in Kontakt mit ihren Chormitgliedern und gleichzeitig versunken in ihr Tun.
Wie genial ist das denn, bitte?! Gäbs das in Tirol? Gäbs das wirklich? Vielleicht, wenn der Chor selbst auch einer für und mit Menschen mit Behinderung wäre. Aber ansonsten? Ich bezweifle es sehr.

Und das ist mit ein Grund, warum ich Finnland so mag.

Ausserdem sind in diesem Land noch wirkliche Abenteuer möglich. Vor allem im Winter. Jede Autofahrt auf einer Eisbahn, die in wärmeren Zeiten mal eine Strasse war, lässt das Adrenalin in die Höhe schnellen. Salz wird nicht gestreut, zumindest nicht auf den Nebenstrassen. Manchmal wird unmotiviert eine Ladung Steine auf einer Kreuzung abgeladen. Aber nur dort und im schlechtesten Fall in Hügelform, sodass es schon mehrere Autos braucht, bis die Steine gut verteilt sind.
Aber ich darf dem Strassendienst nicht Unrecht tun. Jetzt, nachdem wir 2 Wochen Glatteis gehabt haben, ist ein Streuwagen gefahren. Zwar in der Mitte der Strasse, um nicht vor- und den gleichen Weg wieder zurückfahren zu müssen, aber immerhin.

In diesem Land wird jedes Jahr eine neue Lucia gewählt. Weiblich, jung, fesch, blond - das sind die idealen Grundvoraussetzungen, um den begehrten Titel zu ergattern und dann mit Kerzen auf dem Kopf durch die Strassen ziehen zu dürfen. Früher waren die Kerzen echt, mittlerweile sind sie wohl elektrisch. Ich möchte nicht wissen, wie viele Mädels ihre Haare haben lassen müssen (wenns denn nur das war...), bevor man sich zu diesem Schritt durchgerungen hat.
Aber, und das ist ja das eigentlich Geniale: Das Vasabladet, die hiesige Tageszeitung, veranstaltet jedes Jahr die Wahl zur Lucia-Oma. Frauen von 70 oder 80 aufwärts stellen sich zur Wahl, man kann mitstimmen, viele Menschen sind ganz gerührt, weil das ja "so süss" ist, und das ist es dann auch schon wieder. Super, oder? Ich mag das Vasabladet. Und wenn die ganze Welt draufgeht oder vor die Hunde oder den Bach runter oder sonst wo hin, das wird uns erhalten bleiben. Jedes Jahr zu Dezemberbeginn: Oma-Luciawahl. Inklusive mehrere Seiten Berichterstattung.

In diesem Land braucht man sich keine Gedanken über Weihnachtsschmuck zu machen. Es hat einfach jedes Haus dieselbe Weihnachtsbeleuchtung. 7 elektrische Kerzen in Stiegenform (4 auffi, 3 oi) zieren fast alle Fensterbankln. Auch bei uns. Ja. Wir machen da natürlich mit. Nachdem sich schon jemand die Mühe gemacht hat, uns dieses wunderbare Ding zu schenken, stehen wir dem finnischen Brauchtum um nichts nach.

Nein. Nein. Es ist nicht alles besser in diesem Land.
Aber es zaubert mir immer wieder mal ein Lächeln voller Staunen, Wohlwollen oder Ungläubligkeit auf meine Lippen.

Und es ist wahrhaftig spannend, zwei Welten zu einer werden zu lassen. Nicht nur im Dezember, aber schon auch.
Weihnachtsmann vs. Christkind.
Finnischer Nationalfeiertag vs. Nikolaus und Krampus.
Lucia vs. Anklöpfler.
Elektrische Kerzentreppe vs. Adventskranz.
Jultortor vs. Weihnachtskeks.

Diese Fragen stellen sich an uns als Familie, an mich als Tirolerin, die in Finnland lebt und an Max, der irgendwann auf seine Kindheit zurückblickt und hoffentlich eine heimelige Advents- und Weihnachtszeit vor Augen und im Herzen hat. Vielleicht a bissl chaotisch und vermischt und drunter und drüber, aber heimlig und kuschelig. Das wünsche ich ihm. Und das wünsche ich mir. Und uns.

Euch übrigens auch so viel.
Möge diese Zeit auch euer Herz erwärmen!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

unser Weihnachtsstiegenlicht von aussen...

... und von innen

die heurige Lucia-Oma mit dem Kerzenkranz auf dem Kopf
 




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