Liebe A.!
Heute ist ein Brief gekommen. Das Kuvert schwarz umrandet. Absender: Dein Bruder. Und da war mir bereits klar, was bald Gewissheit werden würde.
Ich nahm die Parte heraus. Schaute dein Foto an. Las deinen Namen. Und hoffte doch, irgendwo einen Hinweis zu finden, der sagen würde: Na, na, gar nicht wahr. War nicht so gemeint.
Den gabs natürlich nicht.
Bilder, Erinnerungen und Fragen schossen gleichzeitig durch meinen Kopf.
Und dann kam Max daher.
Und dann die Tränen.
Wir haben zusammen gearbeitet in der Lebenshilfe. Wir hatten verschiedene Rollen, die wir beide mit Bravour ausgefüllt haben, wie ich finde. Deine Rolle: Klientin. Meine Rolle: Assistentin. Wir waren gut in dem, was wir gemacht haben, nit?
Vor allem du. Es gibt wohl nicht so viele, die gleichzeitig Klientin und Telefonistin sind. Und das Wort Telefonistin nehme ich jetzt nicht heuchlerisch und süßlich lobend in den Mund, wie es oft passiert, wenn man von der Leistung von Menschen mit Behinderung spricht. Ich meine es so wie ich es sage. Du warst die eine Frau mit Durchblick bei uns. Du wusstest, wer krank war, wer auf Urlaub, wer beim Arzt, wer welche Allergien hatte, wer was essen durfte und was nicht, welche Therapeutin wann kam, ganz abgesehen von all den Durchwahlen und Grundsatzinformationen, mit denen du gern und ausführlich jede/n Anrufer/in versorgt hast.
Ein Satz, den ich immer mit dir in Verbindung bringen werde, ist dieser hier: "Wenn i morgn no leb'!" Ja, eh. Recht hast gehabt. Weiß man ja nit.
Wie wars, liebe A.? Wie isses dir ergangen die letzten Jahre?
Als ich in der Lebenshilfe zu arbeiten angefangen habe, warst du bereits sehr routiniert im Umgang mit dem Alltag in einem so großen Verein, mit immer neuen Chefs, AssistentInnen, Projekten und Ideen. Du warst froh um die Stabilität in deiner Gruppe und deine Sonderposition, die du irgendwie inne hattest, und hast trotz dem regen Wechsel an MitarbeiterInnen dein Herz immer offen gehabt für neue Menschen. Das war deine Größe.
Was ich ganz fest mit uns verbinde und was mir bleibt von dir, ist unser Ausflug ins Kaufhaus Tyrol. Wie aufregend das für dich war! Wie eine richtige Dame bist du dir vorgekommen. Und wie abenteuerlich unsere Rolltreppenfahrten waren! Und wie stolz du auf deine Einkäufe warst! Ich war danach müde, als wäre ich in diesen 2 oder 3 Stunden auf die Nordkette raufgelaufen und wieder runter, aber meine Freude hat meine Müdigkeiten um Welten geschlagen.
Weißt du, dass du mir sogar in Südamerika in den Sinn gekommen bist? Nein. Ich hab dir das nie erzählt. Während meines Südamerikaaufenthaltes habe ich in Argentinien, fast schon unten in Patagonien, Pinguine gesehen. Es war entzückend, diese kleinen Kerle zu beobachten. Wie sie dahingewatschelt sind, auf Eiern gesessen sind, den Menschen freien Strand bevölkert haben und sich wagemutig in die Wellen gestürzt haben. Sie haben mich ganz aufgesogen, sodass ich alles andere um mich herum vergessen habe. Irgendetwas an ihnen war mir sehr vertraut. Ich wusste nicht, was. Erst, als ich längst schon wieder ganz woanders war, ist es mir eingefallen. Du, liebe A. Die Pinguine und du, ihr hattet die gleiche Art zu gehen! Ich sage das mit meinem tiefen Respekt, den ich für alle Lebensformen dieser Welt mitbringe. Ach A., du warst schon sehr speziell.
Und wie wir oft lachen haben müssen miteinander.
Ich kann mich noch sehr gut an den Moment erinnern, als du erleichtert berichtest, dass du in die Wechseljahre gekommen bist. "Endlich heat des auf, de Bliatarei do!"
Deine Direktheit war mir ein großer Lehrmeister.
A. Ich hole dich in Gedanken her. Ich höre deine Stimme. Sehe dich vor meinem inneren Auge.
Wir haben uns schon auch (heraus-)gefordert gegenseitig, gell?
Manchmal sind wir uns ganz schön auf die Nerven gegangen. Wie das halt so ist, wenn man sich mehr als 10 Jahre lange mit Ausnahme der Wochenenden, Urlaube und Krankenstände tagtäglich sieht.
Ich muss dir was erzählen, liebe A. Du warst ja die, die mich immer vor den Männern gewarnt hat und gesagt hat, dass es viel gscheiter ist ohne Mann, denn sobald einer im Haus ist, muss man als Frau sowieso nur kochen und putzen und bügeln für ihn.
Aus heutiger Sicht kann ich dir sagen: Du hattest Recht. Viel zu viele Männer sind genau so.
Und dann gibt es aber auch die berühmten Ausnahmen. Wie den meinen zum Beispiel. Den hast du ja eh kennengelernt. Und hast ihm in deinem tiefsten Tirolerisch erklärt, wie es denn so ist mit mir. Ach, das war lustig!
Heute bin ich auch einem sehr netten Exemplar begegnet. Ich war in Vaasa. Habe dort mein Auto abgestellt. Bin gegangen.Und nach ein paar Stunden wieder gekommen.
Inzwischen ist die Mulde, in der mein Auto geparkt war, zu Eis gefroren, und als ich aufs Gaspedal gestiegen bin, ist nichts passiert außer dass die Reifen durchgedreht sind und der Motor aufgeheult hat. Da haben nicht einmal mehr die Spikes etwas gebracht. Ich habs noch mal versucht. Und noch einmal. Ohne Erfolg.
In diesem Moment kam ein Mann dahergeradelt. Ein Radfahrer mitten im Winter auf eisglatter Straße, in einer nachts völlig Menschen leeren Gegend. Die einen würden es als Zufall bezeichnen, die anderen als Gottes Wink, und ich, ich staunte einfach nur und wusste doch gleichzeitig, dass es bei mir immer so ist. Es ist eigentlich unglaublich.
Ja. Um es kurz zu machen: Als er mein Schlamassel bemerkt hat, ist der Mann mit seinem Fahrrad umgekehrt, hat mir seine Hilfe angeboten und hat mit aller Kraft geschoben, während ich mit aller Kraft das Gaspedal gedrückt habe - bis mein Auto fast rausgeflogen ist aus der Mulde.
Ich muss dir was erzählen, liebe A. Du warst ja die, die mich immer vor den Männern gewarnt hat und gesagt hat, dass es viel gscheiter ist ohne Mann, denn sobald einer im Haus ist, muss man als Frau sowieso nur kochen und putzen und bügeln für ihn.
Aus heutiger Sicht kann ich dir sagen: Du hattest Recht. Viel zu viele Männer sind genau so.
Und dann gibt es aber auch die berühmten Ausnahmen. Wie den meinen zum Beispiel. Den hast du ja eh kennengelernt. Und hast ihm in deinem tiefsten Tirolerisch erklärt, wie es denn so ist mit mir. Ach, das war lustig!
Heute bin ich auch einem sehr netten Exemplar begegnet. Ich war in Vaasa. Habe dort mein Auto abgestellt. Bin gegangen.Und nach ein paar Stunden wieder gekommen.
Inzwischen ist die Mulde, in der mein Auto geparkt war, zu Eis gefroren, und als ich aufs Gaspedal gestiegen bin, ist nichts passiert außer dass die Reifen durchgedreht sind und der Motor aufgeheult hat. Da haben nicht einmal mehr die Spikes etwas gebracht. Ich habs noch mal versucht. Und noch einmal. Ohne Erfolg.
In diesem Moment kam ein Mann dahergeradelt. Ein Radfahrer mitten im Winter auf eisglatter Straße, in einer nachts völlig Menschen leeren Gegend. Die einen würden es als Zufall bezeichnen, die anderen als Gottes Wink, und ich, ich staunte einfach nur und wusste doch gleichzeitig, dass es bei mir immer so ist. Es ist eigentlich unglaublich.
Ja. Um es kurz zu machen: Als er mein Schlamassel bemerkt hat, ist der Mann mit seinem Fahrrad umgekehrt, hat mir seine Hilfe angeboten und hat mit aller Kraft geschoben, während ich mit aller Kraft das Gaspedal gedrückt habe - bis mein Auto fast rausgeflogen ist aus der Mulde.
Und du bist tot.
Mir kommen die katholischen Beerdigungsrituale in den Sinn.
Das Prozedere beginnt mit dem Rosenkranzbeten. Ich empfinde das als reine Tortur. In erster Linie für die Angehörigen. Dieses monotone Gemurmel. Der Sarg. Die schwarz gekleideten Menschen. Die Kerzen. Was will man als (Über-)Lebende/r damit eigentlich bezwecken? Dem Verstorbenen seinen Weg ins frohlockende Himmelreich ebnen? Ich weiß nicht...
Die Beerdigung selber aber, die ist für mich kaum auszuhalten. V.a. dann, wenn der tote Körper in einem Sarg liegt, wenn also eine Erdbestattung anstelle einer Feuerbestattung gemacht wird. Der einem so vertraute und nahe Körper in der Holzkiste. Die Hand, die man gehalten hat. Das Gesicht, das zu einem geredet und gelacht hat. Sentimentalitäten beiseite geschoben, eini in die Kiste, Deckel zu und eingegraben, als handle es sich um irgendeinen beliebigen und nicht weiter benötigten Gegenstand. Meines Erachtens übersteigt dieses Ritual das menschenmöglich Aushaltbare.
Und trotzdem: Wäre ich in Tirol, würde ich gern auf deine Beerdigung gehen. Noch mal da sein. Noch mal bei dir sein. Dir ein Pfiati und ein Danke nachschicken. Auch schauen, wer aller gekommen ist. Ich glaube, es sind viele Menschen da. Viele, die nicht nur kommen, weil es sich so gehört, sondern denen es ein echtes Anliegen ist. A., ich glaube, du hättest deine helle Freude an so einem Menschenauflauf deinetwegen.
Ich schaue auf die Uhr. In 10 min fängt es an.
Nach meinem Abschied von der Lebenshilfe vor etwas mehr als 4 Jahren haben wir uns noch ein paar Mal gesehen. Du warst stets auf deinem Platz hinter der Küche. Hast gestrickt. Hast dich gefreut. Hast gelacht. Hast erzählt. Hast dich aufgeregt. Grad so wie immer. Um dich habe ich mir nie Sorgen gemacht. Und der Abschied von dir war immer ein leichter.
Bis mir R. dann irgendwann erzählt hat, dass du ins Altersheim gekommen bist.
Das Licht kommt langsam zurück hier bei uns hier in Finnland. Kalt isses es schon immer noch. Aber das ist schon ok in Anbetracht dessen, dass wir Februar haben. Wir sind oft auf dem Meer. Wir warten ungeduldig auf gutes Eis, damit wir endlich Eislaufen können. Ich hör dich sagen: "Na, des warat nix für mi!" Ich glaube, da hast du Recht, liebe A. Das wäre echt nix für dich. Aber das Gute ist ja, dass du genau das in deinem Leben gefunden und gelebt hast, was was war für dich. Du hast trotz oder vielleicht sogar wegen deiner Behinderung dein Platzl gefunden in diesem Leben. Eine Familie, die gut auf dich geschaut hat, einen Arbeitsplatz, wo du dich mit deinen Fähigkeiten einbringen konntest, eine eigene Wohnung, in der du dich daheim gefühlt hast, und Interessen, die dein Leben interessant gemacht und ihm Inhalt verliehen haben.
Nach meinem Abschied von der Lebenshilfe vor etwas mehr als 4 Jahren haben wir uns noch ein paar Mal gesehen. Du warst stets auf deinem Platz hinter der Küche. Hast gestrickt. Hast dich gefreut. Hast gelacht. Hast erzählt. Hast dich aufgeregt. Grad so wie immer. Um dich habe ich mir nie Sorgen gemacht. Und der Abschied von dir war immer ein leichter.
Bis mir R. dann irgendwann erzählt hat, dass du ins Altersheim gekommen bist.
Das Licht kommt langsam zurück hier bei uns hier in Finnland. Kalt isses es schon immer noch. Aber das ist schon ok in Anbetracht dessen, dass wir Februar haben. Wir sind oft auf dem Meer. Wir warten ungeduldig auf gutes Eis, damit wir endlich Eislaufen können. Ich hör dich sagen: "Na, des warat nix für mi!" Ich glaube, da hast du Recht, liebe A. Das wäre echt nix für dich. Aber das Gute ist ja, dass du genau das in deinem Leben gefunden und gelebt hast, was was war für dich. Du hast trotz oder vielleicht sogar wegen deiner Behinderung dein Platzl gefunden in diesem Leben. Eine Familie, die gut auf dich geschaut hat, einen Arbeitsplatz, wo du dich mit deinen Fähigkeiten einbringen konntest, eine eigene Wohnung, in der du dich daheim gefühlt hast, und Interessen, die dein Leben interessant gemacht und ihm Inhalt verliehen haben.
Ach A., ich hoffe einfach nur, dass deine letzten Schritte gute waren. Angstfrei. Vertrauend. Akzeptierend. Vielleicht hast du jemanden bei dir gehabt. Jemanden aus deiner Familie, die du so sehr geschätzt hast. Oder vielleicht wolltest du die letzten Momente auch alleine sein. Könnt ich mir genauso gut vorstellen bei dir.
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